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Was unterscheidet die deutsche Bildung von der ukrainischen?

19.06.2018

In erster Linie sind dies das kompentenzorientierte Lernen und der  differenzierte Unterricht.

An der Deutschen Schule werden alle Unterrichtsfächer sowohl in der Grundschule als auch in der Sekundarstufe fächerübergreifend unterrichtet. So kann das Kind die notwendigen Erfahrungen für die Zukunft sammeln und gleichzeitig dient die Verbindung zwischen den einzelnen Fächern als gute Basis für die Integration. Worin sich das deutsche Schulsystem vom dem ukrainischen unterscheidet, das erzählte Promum die ukrainische Direktorin der Deutschen Begegnungsschule Schule Kiew Marina Goncharuk.

Über kompetenzorientiertes Lernen

Fächerübergreifendes Lernen sind nicht einzelne Fächer wie „Sachunterricht“, „Ukraine und ich“ oder „Gesundheitskunde“, sondern ein fächerübergreifendes Fach, wie zum Beispiel das Fach „Meine Heimat“ beinhaltet komplexes Wissen über die Welt.

Ein wichtiger Aspekt ist auch kompetenzorientiertes Lernen: die Kinder bekommen nicht nur ein gewisses Maß an Wissen aus drei oder vier Fächern, sondern sie nutzen dieses Wissen mehrmals. Damit bekommen sie Grundkompetenzen. „Gelernt, bestanden, vergessen“ – diese Ansichtsweise funktioniert nicht mehr! Für die Ausbildung von wettbewerbsfähigen Spezialisten für die Zukunft soll das Ziel der Bildung nicht nur Wissensvermittlung sein, sondern auch die Entwicklung von Schlüsselkompetenzen: geschicktes Anwenden dieses Wissens.

Neben dem kompetenzorientierten Lernen werden individualisierende und differenzierende Lernmethoden angewendet. Zur Erklärung: Das In der Mehrheit gibt es in einer Klasse Schüler, die auf einem mittleren Niveau lernen und der Standardunterricht auf solche Schüler ausgerichtet. Es gibt aber auch Schüler, deren Wissensstand bereits größer ist als der ihrer Mitschüler, das heißt, sie könnten im Unterricht mehr Aufgaben bewältigen. Die Lehrkraft entwickelt deshalb für diese Schüler zusätzliche Aufgaben, sozusagen „mit einem Sternchen“. Damit gibt der Lehrer den Schülern die Möglichkeit, ihre Stärken zu entwickeln, und zusätzlich bietet er ihnen Werkzeuge für das Lernen an, so dass sie dann ein bestimmtes Thema selbstständig untersuchen können. Parallel dazu entwickelt die Lehrkraft einfache Aufgaben für Kinder, die „nicht mitkommen“. Der Lehrer bestraft die Kinder nicht mit schlechten Noten, sondern schafft geeignete Situationen, die auch für diese Schüler ein Erfolgserlebnis möglich machen (wenn ein Kind keine drei Aufgaben in der Unterrichtsstunde bearbeiten kann, bekommt es nur zwei Aufgaben. Der Lehrer plant das von Anfang an so ein und stellt dem Kind dieses als Ziel für die Stunde). Auf diese Weise erkennt das Kind am Ende des Unterricht für sich einen Erfolg und ist dadurch motiviert für weitere Aufgaben.

Wann kommt es zur Bewertung?

Ein differenzierter Unterricht bedeutet ein flexibles Herangehen an die Inhalte eines Themas, das heißt, das Kind bekommt die Aufgaben, die es bewältigen kann und die an sein Niveau angepasst sind. Dazu bereitet die Lehrkraft für den Unterricht zwei bis vier Aufgabenvarianten vor, die ähnlichen Inhalt, aber unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad besitzen. Der Lehrer vergleicht die Kinder nicht miteinander, sondern hilft jedem einzelnen Kind sich zu entfalten und das Beste für sich zu erreichen.

In diesem Fall handelt es sich bei der Bewertung nicht um Bestrafung, sondern um Motivation. Das ist so in den Bildungsgesetzen verankert und  findet sich so auch in der methodischen Literatur für Pädagogen. Solche Bewertung stimuliert Kinder zum Lernen. Wenn ein schwacher Schüler daran gewöhnt ist, dass er nicht besser lernen kann, auch wenn er es möchte, schafft er es ohne Unterstützung nicht. Bekommt er dann eine gute Note (beispielsweise eine gute Zwei), denken wir gleich, dass es eine Ausnahme ist oder dass es ihm gelungen ist abzuschreiben. Tatsächlich aber haben auch „schwache“ Kinder ein verstecktes Potenzial in sich, man muss nur den Schlüssel dazu finden, dann öffnet sich das Kind. Der Schüler wird sich in jeder Unterrichts­stunde Mühe geben und gute Noten bekommen wollen, und das nur, weil wir ihn geschickt motivieren. Dazu werden individualisierende und differenzierende Aufgaben verwendet.

Über das „Zertifikat über die Leistungen“

Momentan vollzieht auch das ukrainische Bildungssystem den Übergang zur Kompetenz­orientierung. Das bedeutet, dass es nicht reicht, im Zeugnis „ Lernstoff gelernt“ zu vermerken . Zusammen mit dem ukrainischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft und der nationalen Akademie der pädagogischen Wissenschaften der Ukraine wirkte unsere Schule in einer Arbeitsgruppe zum Thema „Bewertung der Schülerleistungen“ mit. Unser Ziel ist es, mit Hilfe von Erfahrungen aus Deutschland und anderen Ländern ein „Zertifikat über die Leistungen“ zu erarbeiten.

In diesem Zertifikat sollen die Schlüsselkompetenzen angegeben werden, die das Kind am Ende einer bestimmten Klasse besitzt. Solch ein Zeugnis wird in Zukunft für alle Klassen entwickelt. Wir haben das Format angepasst: bald werden die Eltern die konkreten Kompetenzen ihres Kindes sehen. Das umfasst die allgemeinen Kompetenzen und die fachlichen Kompetenzen (in jedem Fach drei bis vier Punkte). Diese Idee und die grundlegenden Inhalte wurden im Großen und Ganzen vom deutschen Zeugnis übernommen.

Was ukrainische Lehrer und Schüler brauchen

In Deutschland fand der Übergang zur Kompetenzorientierung in der Bildung in den 80-er – 90-er Jahren. Bei uns im Land beginnt der Prozess zu laufen und wir, Lehrer und Leitung, sollten die Veränderungen, die in anderen europäischen Ländern passierten, analysieren, denn dort ist das kompetenzorientierte Herangehen schon lange etabliert. Lasst uns sehen, welche Herausforderungen vor uns liegen. Erstens ist es ein finanzieller Aspekt. Der Übergang zur Kompetenzorientierung kann ohne Vorhandensein guter allgemeiner Rahmenbedingungen und einem entsprechenden Bildungsumfeld für die Klasse nicht erfolgreich und schnell durchgeführt werden. Ohne eine entsprechende materielle und technische Basis der Schule ist es schwierig für Lehrer eine hochwertige Ausbildung zu gewährleisten. In diesem Prozess spielt die Ausrüstung mit den neuesten interaktiven Technologien eine wichtige Rolle. Nicht alle Schulen – vor allem in ländlichen Gebieten – verfügen über Smartboards. Und dies ist ein Problem, denn es gibt so viele Informationen in der Welt, dass wir unseren Schülern nicht alles vermitteln können, was sie im Leben brauchen. Wir müssen ihnen beibringen, wie man kritisch denkt und wie man nützliche Informationen schnell finden kann.

In der Lehrbüchern für die Grundschule ist die kompetenzorientierte Herangehensweise bereits berücksichtigt. Am Ende eines jeden Kapitels gibt es die Abschnitte „Kontrolliere dich selbst.“, „Was kann ich?“ und „Was habe ich schon gelernt?“. Das sind Fragen für Kinder, über die sie selbst nachdenken können.

Über die Freiheit der Kinder

Deutsche Schulen haben mehr Freiheit. Vor kurzem waren wir zu einer Fortbildung in Deutschland an der Freien Grundschule Clara Schumann in Leipzig. Dort ist die Klassengröße die gleiche wie in ukrainischen Schulen: etwa 30 Kinder. Aber wenn der Lehrer ein paar Einzel- oder Gruppenaufgaben stellt, arbeiten die Kinder konzentriert, ohne zu schreien oder sich auffällig zu verhalten. Ihre Ergebnisse stellen sie am Ende der Unterrichtsstunde gemeinsam vor. Und das  in den Grundschulklassen 3 und 4.

Die Schüler können miteinander arbeiten. Dazu ist sehr wichtig, folgende soziale Eigenschaften bei den Kindern herauszubilden: die Verantwortung der Kinder für ihr Handeln, die Zusammenarbeit, die Fähigkeit Konflikte friedlich zu lösen. Jeder setzt sich Ziele, erledigt seine Aufgaben im Unterricht, überwindet Schwierigkeiten und lernt. Die Klassenleiterin der 3. Klasse demonstrierte uns einen interessanten pädagogischen Kniff: während der Unterrichtsstunde verließen wir (die Lehrer) für 20 Minuten den Klassenraum. In dieser Zeit warteten wir im Flur ohne einen Blick in die Klasse zu werfen. Als wir zurückkamen …….was machten die Schüler? Es gab keine Prügeleien, keinen Streit, alle können also in der Gruppe arbeiten und miteinander kommunizieren.

Über deutsche Regeln und Ordnung

Wie ist das möglich? Sicher, das ist klar, bewirken das die deutschen Regeln und die Ordnung. Am Anfang ihrer Schulzeit setzen sich die Erstklässler mit ihrer Lehrerin oder ihrem Lehrer in den Kreis, bekommen ein großes Blatt Papier und erstellen zusammen ein Plakat „Unsere Klassenregeln“. Selbstverständlich hilft der Klassenlehrer mit Ideen, aber das letzte Wort haben die Kinder, denn sie machen dies für sich selbst und für ihre eigene Zukunft. Die Klassenregeln können Folgendes beinhalten: nicht beleidigen, nicht schimpfen, auf jemanden warten, wenn er sich verspätet, sich entschuldigen, keine fremden Sachen ohne Erlaubnis nehmen, seinen Arbeitsplatz aufräumen etc. Nach diesen Regeln werden die Kinder auch in Zukunft handeln. Sollte jemand laut werden, wird er auf das von ihm unterschriebene Regelplakat hingewiesen, auf dem steht, wie er sich zu verhalten hat.

Erziehung hat einen versteckten Charakter. Wir können dem Kind nicht sagen: jetzt werde ich dich erziehen, du wirst jetzt gut erzogen sein. Nein, das kann erst nach einem Monat oder zwei, oder sogar nach einem Jahr sichtbar werden. Die Lehrer müssen zusammen auf ihr gemeinsamen Ziel hinarbeiten, nach gleichen Regeln vorgehen und gleiche Aufgaben und Anforderungen an die Schüler stellen, damit wir alle am Ende zum gemeinsamen Erfolg kommen und das gemeinsam vorgegebene Ziel erreichen können.

Über die Reform der Bildung in der Ukraine

Jede Reform braucht mindestens 10 Jahre, um den kompletten Schulzyklus zu durchlaufen, in unserem Fall geht es um die neue zwölfjährige Schullaufbahn. Reformen bedeuten positive Veränderungen, sie sind ein neuer Schritt zur Modernisierung. In Deutschland begann die Bildungsreform mit der Einführung neuer gesetzlicher Rahmenbedingungen in der Bildung in allen Bundesländern. Dies geschah ungefähr von Mitte der 80-er bis Anfang der 90-er Jahre. Zu dieser Zeit wurde das Bildungssystem in Deutschland komplett umgebildet. Ich hoffe, dass wir das auch im gleichen Tempo bewältigen können. Eine Reform muss von Theoretikern und Praktikern gemeinsam ausgearbeitet werden. Aber nicht jede Theorie erreicht ihr Ziel dann auch tatsächlich. Die Reform der ukrainischen Schule wird von den Lehrkräften positiv wahrgenommen, wichtig ist dabei die Unterstützung durch den Staat. Ohne ihn schaffen wir es nicht. Solange wir darüber reden müssen, dass in Dorfschulen manchmal Kreide fehlt, macht es keinen Sinn über Smartboards zu sprechen … Jedem Lehrer sollten zumindest die notwendigsten Lehrmitteln zur Verfügung stehen. Der Lehrer sollte etwas in der Hand haben, womit er arbeiten kann, was er den Schülern zeigen kann. Jede Unterrichtsstunde braucht eine solche Ausstattung: Bastelsachen, Lernspiele, Medienkoffer, Kinderprojekte – all das und noch buntes Papier und Knete und CD-Player und neue Bücher. Wir haben sehr begabte und kreative Lehrer, sie werden mit jeder Reform zurecht kommen. Dazu brauchen sie die entsprechende Basis, effektiven Ressourceneinsatz, moderne Lehrmittel – all das zusammen mit kreativen Lehrern gewährleistet die Wirksamkeit der Reformen und damit eine Verbesserung der Ausbildung!

Autorin: Marina Goncharuk, ukrainische Direktorin der Deutschen Schule Kiew.

Bild von Miroslava Schewtschenko.

Veröffentlicht in https://goo.gl/U1Vzop